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Warum Dominanz keine Rolle spielt

by Grit Perkampus

Warum wir f√ľr Erkl√§rungs- und Trainingsans√§tze nicht die Dominanztheorie heranziehen!

Ja, es gibt sie, diese omin√∂se Dominanz. Doch sie hat f√ľr unser Zusammenleben mit unseren Hunden und f√ľr unser Training keine Relevanz. Es ergibt keinen Sinn, das Verh√§ltnis von Hunden untereinander im Familienverband oder das Verh√§ltnis von uns Menschen zu unseren Hunden und umgekehrt mithilfe der Dominanztheorie zu erkl√§ren.

Warum nicht?

Aus verschiedenen Gr√ľnden:

  1. Weder Hundehalter, noch die meisten Trainer benutzen den Begriff der Dominanz so, wie er in der Verhaltensbiologie beschrieben und definiert wurde. Wir Menschen, die in Hierarchien leben, haben ein Alltagsverst√§ndnis dieses Begriffes, und wir f√ľllen diesen Begriff mit den Inhalten, die wir uns aufgrund unserer Erfahrungen, z.B. im Berufsalltag damit verbinden. Das ist jedoch nicht das, was Dominanz tats√§chlich meint.

  2. Dominanz beschreibt Beziehungen. Die sind wechselseitig gestaltet. Was die meisten Hundehalter daraus aber machen, ist, einem Hund eine festgeschriebene Eigenschaft oder einen Charakter zuzuschreiben. Es wird gesagt, ein Hund sei dominant. Doch ein Hund kann in diesem Sinne nicht dominant sein.

  3. Aus diesem Missverst√§ndnis heraus, dass ein Hund dominant sei, wird abgeleitet, man m√ľsse ihn zur√ľckstutzen und so verhindern, dass er seinem Menschen √ľber den Kopf w√§chst. Das bedeutet, dass allerlei Regeln aufgestellt werden, die dem Hund klarmachen sollen, dass er nicht der Herr im Hause ist. Damit einher geht immer, dass ein Hund einen Gro√üteil seines Wohlbefindens einb√ľ√üt und bestenfalls verwirrt wird durch pl√∂tzlich neue und rigorose Regeln. In den meisten F√§llen resultieren daraus Angst oder Frustration/Aggression.

    Stellt euch einmal vor, ihr kommt morgen zur Arbeit, und auf einmal gingen eure Kollegen mit euch so um, wie es Haltern von angeblich dominanten Hunden empfohlen wird. Wie w√ľrde es euch ergehen?

  4. Eine Vielzahl von Verhaltensweisen wird als Indiz f√ľr Dominanz herangezogen: Der Hund setzt sich auf den Fu√ü des Halters. Der Hund liegt auf dem Sofa. Der Hund geht zuerst durch die T√ľr. ‚Äď Eben all das, was mit den sog. Rangreduktionsma√ünahmen wieder ins Lot gebracht werden soll.

    Es bricht mir das Herz, wenn Menschen sich von diesen Verhaltensweisen in ihrer Autorit√§t angekratzt f√ľhlen und nicht erkennen, dass Hunde einfach k√∂rperliche N√§he suchen, genau wie wir gern bequem liegen (und dabei den Geruch ihrer Menschen in der Nase haben ‚Äď eine Wolke des Wohlbefindens) und es schlicht ganz eilig haben, rauszukommen oder einfach ganz freudig aufgeregt sind.

  5. Hunde haben den Menschen als ihren wichtigsten Sozialpartner auserkoren. Sie leben mit uns famili√§r zusammen. Ja, sie erleben sich als Teil einer Familie. Und die meisten Hundehalter w√ľrden auch sagen, dass ihre Hunde Familienmitglieder sind.

    Wie gehen wir in Familien miteinander um?
    Nat√ľrlich k√∂nnen wir einen Vater immer noch als dominantes Familienoberhaupt begreifen, dem sich alle anderen unterzuordnen haben. Und im Notfall wird er sich wom√∂glich auch so auff√ľhren und bestimmen. Aber unsere Lebenswirklichkeit sieht doch eher so aus, dass gemeinschaftlich Entscheidungen getroffen werden. Dass es jedem in der Familie gut gehen soll und wir jedem Familienmitglied mit viel Wohlwollen ‚Äď und vor allem Liebe – begegnen.

    Heutzutage k√§me niemand mehr auf die Idee, Kinder als minderwertige Erwachsene zu sehen, die nichts zu melden haben und bei Trockenbrot und Wasser ‚Äěgehalten‚Äú werden, die sich still zu verhalten und um Himmelswillen nur nicht ausgelassen sein sollten. Niemand w√ľrde heute Kindern absprechen, dass auch die Befriedigung ihrer Bed√ľrfnisse eine wichtige Rolle spielt. Kaum noch wird von Kindern einseitig gefordert zu ‚Äěgehorchen‚Äú.

    Hunde sind unsere Schutzbefohlenen. Und die Art, wie wir mit ihnen leben, erinnert stark an Brutpflege ‚Äď also an die Aufzucht von Welpen. Unsere Hunde verstehen es so. Sie verstehen uns als Eltern. Wer m√∂chte seine Eltern als seine Chefs sehen? Als alleinige Bestimmer, deren Bed√ľrfnisse die einzig wichtigen sind? Und sich selbst als jemand, der nichts zu melden und nichts zu wollen hat?

    (Ich frage mich gerade, ob jemand ernsthaft seinen Kindern verbietet, auf seinem Schoß zu sitzen, weil sie damit die Bewegungsfreiheit willentlich einschränkt wird.)

  6. Wenn wir unsere Hunde als Familienmitglieder begreifen, dann kommen wir auch schnell dazu, mehrere Hunde im Haushalt als (nicht blutsverwandte) Geschwister zu begreifen. Menschliche Kinder sind meist unterschiedlich alt, und schon daraus leitet sich h√§ufig eine gewisse √úberlegenheit des einen Kindes √ľber das andere ab.

    Und was machen wir als Eltern? ‚Äď Wir sorgen f√ľr Ausgeglichenheit und gr√∂√ütm√∂gliche Gerechtigkeit. Wir mischen uns bei Streitereien ein und lassen es die Kinder nicht in aller Konsequenz untereinander kl√§ren bis eines blutet. Wir ber√ľcksichtigen nicht nur die W√ľnsche und Bed√ľrfnisse des einen Kindes und ‚Äěakzeptieren‚Äú, dass das Zweitgeborene eben nichts zu melden hat gegen√ľber dem Erstgeborenen.

    Denkt das einmal konsequent bis zu Ende. Vielleicht habt ihr selber Erfahrungen gemacht mit sog. Geschwisterrivalit√§t oder dem Empfinden, eure Geschwister seien konsequent bevorzugt worden. Was macht das mit euch bzw. was hat das mit euch gemacht? Welche Folgen f√ľr euer Wohlbefinden hatte das? Und wie war das Zusammenleben?

    Bei Mehrhundehaushalten, die so gestaltet werden, ist bekannt, dass entweder ein Hund sich depressiv zur√ľckzieht oder dass es irgendwann richtig knallt. So schlimm, dass ein Zusammenleben der Hunde oft nicht mehr m√∂glich ist, weil sie sich t√∂ten wollen.


Euch ist das alles zu vermenschlicht?

Nun, das Sozialverhalten, die Emotionen und das Wohlbefinden unserer Hunde sind recht gut erforscht. Die Ergebnisse lassen keinen Zweifel dar√ľber zu, dass Hunde einen Sinn f√ľr Gerechtigkeit haben, sich uns als Familienmitglieder anschlie√üen und gerade nicht nach der Weltherrschaft streben ‚Äď oder danach, alle anderen in ihrer Familie zu unterjochen.


Hunde wachsen uns nicht √ľber den Kopf, wenn wir ihnen auf Augenh√∂he begegnen. Sie tun es, wenn wir sie kleinzuhalten versuchen.

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