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Warum Handfütterung bei Angst nicht zu empfehlen ist

by Grit Perkampus
Handfütterung bei Angsthunden

Ist dein Hund ängstlich oder aggressiv, oder er ist draußen zu unaufmerksam, unabhängig und hat wenig Lust, mit dir zu kooperieren, er ist ein leidenschaftlicher Jäger oder zeigt sonst irgendein von dir unerwünschtes Verhalten, wirst du sicher auch schon den Rat bekommen haben, die Ernährung deines Hundes so zu gestalten, dass er nur noch aus der Hand (oder dem Futterbeutel) gefüttert wird.

Im Internet finden sich viele Hinweise darauf, dass der Hund durch Handfütterung

  • seine Scheu vor dir oder/und anderen Menschen verliert
  • lernt, dass er von seinem Menschen abhängig ist. „In die Hand, die einen füttert, beißt man nicht.“
  • viel bereiter ist, auf dich zu achten, denn du trägst eine wichtige Ressource bei dir
  • zu mehr Kooperation und Training bereit ist, weil er dafür ja Futter von dir bekommt
  • sich besser abrufen lässt und nicht mehr auf die Jagd geht, denn die wichtigste Beute hast du

Diese Gedanken erscheinen logisch. Jedes Lebewesen benötigt Nahrung. Futter ist, weil es ein Grundbedürfnis – nämlich das Überleben! – stillt, elementar wichtig. Wir alle sind bereit, einiges dafür zu tun, um bei Hunger an Nahrung zu kommen.

Doch schauen wir uns die Handfütterung und ihre Auswirkungen auf das Verhalten des Hundes einmal genauer an.


1. Bindung / Angstverhalten in Bezug auf Menschen

Viele Hundehalter haben den Begriff „Schönfüttern“ schon einmal gehört. Die Handfütterung bei einem menschenscheuen Hund soll diesem vermitteln, dass vom Menschen etwas Gutes kommt. So soll er seine Angst überwinden, Positives mit dem Menschen verknüpfen und Bindung aufbauen.

Um dir zu verdeutlichen, dass das nicht funktionieren kann, stellt dir einmal vor, dein Frühstück läge im Terrarium bei giftigen Schlagen oder Spinnen. Du kannst dir auch jedes andere Szenario vorstellen, bei dem dir der Gedanke schon Schauer über den Rücken jagt: Wirst du nach deinem Frühstück greifen und finden, dass die Schlange/Spinne ja voll nett ist?

Irgendwann wirst du in Ermangelung anderer Nahrungsquellen deine Angst wahrscheinlich überwinden. Wenn der Hunger groß genug ist. Weil dein genetisches Programm vorschreibt, dass du überleben musst.

Wie wirst du das tun?
Du wirst vermutlich die Augen zusammenkneifen. Deinen Körperschwerpunkt und die Ausrichtung deines Körpers wirst du so wählen, dass du bei der geringsten Bewegung des Getiers schnell aus der Gefahrenzone kommst. Mit deinem Arm wirst du dich sehr langsam deinem Frühstück nähern. Du wirst den Atmen anhalten. Dein Puls beschleunigt sich. Vielleicht hast du ein Rauschen im Ohr vom hohen Blutdruck. Deine Pupillen vergrößern sich, alle Muskeln sind angespannt und auf eine schnelle Fluchtbewegung vorbereitet. Dein Mund  wird trocken.
Dein Körper wird von Adrenalin geflutet.

Was meinst du, wie es dir hinterher geht?
Du wirst essen, weil du unbändigen Hunger hast. Aber du wirst auch – wegen der starken unangenehmen Emotionen – Bilder in deinem Kopf haben. Davon, wie nah die Schlange/Spinne deinem Frühstück war. Das ungute Gefühl bleibt. Und vielleicht willst du nie wieder das essen müssen, was du dir gerade einverleibt hast. Es sei denn, du musst, weil du unbändigen, lebensbedrohlichen Hunger hast. Oh ja, und du wirst sehr erleichtert sein, dass dir nichts passiert ist, dass die Situation vorüber ist.

Zurück zum Hund:
Auch dein Hund wird, wenn der Hunger groß genug ist, seine Angst überwinden müssen. Seine Annäherung wird dabei genauso aussehen wie deine ans Terrarium mit den gefährlichen Tieren:

Der Körperschwerpunkt ist nach hinten verlagert, um sofort wegspringen und sich aus der Gefahrenzone flüchten zu können. Die Pupillen vergrößern sich sichtbar, die Annäherung wird sehr langsam erfolgen. Der Körper deines Hundes wird von Adrenalin geflutet.

Alle Ausdrucksstrukturen (Ohren, Sinushaare, Mundwinkel…) weisen zurück und machen deutlich, dass der Hund im Grunde Abstand möchte.

Dein Hund steht in einem außerordentlichen Konflikt – genau wie du in dem Szenario: Entweder ich nähere mich der absolut ängstigenden Gefahr, oder mein Überleben ist bedroht, weil ich nicht genug Nahrung zu mir nehme.

Das heißt:
Es ist die Wahl zwischen zwei Übeln, das eine wiegt schwerer als das andere. Insofern hat der Hund eigentlich keine Wahl. Er kommt nicht aus Neugier zu dir, sondern aus der Not heraus.

Anderes Szenario: Du benötigst es nicht zum Überleben, hast aber schon gut Appetit, und im Terrarium liegt ein Stück deiner Lieblingsschokolade. Was wirst du entscheiden zu tun? Was entscheidet dein Gehirn?

Wie wird das Einfluss auf deine Annäherung haben? Wie wird dir die Schoki schmecken, wenn du dich entscheidest, dieses verführerisch duftende Stück Kakao aus dem Terrarium zu klauben? Und was wird dies deiner Vorstellung nach an deinen Gefühlen gegenüber Schlange oder Spinne verändern?

Wie geht es deinem Hund, wenn du ihn mit Wiener Würstchen lockst?

Ja, der Vergleich zwischen Mensch und Hund ist hier absolut zulässig. Denn im Hinblick auf Gefahrenbewertung, Emotionen, Hormonausschüttung, Körpersprache, Stress und Lernverhalten sind sich alle Säugetiere sehr, sehr ähnlich.

Handfütterung bei Angsthunden


Und auf noch eine „Kleinigkeit“ möchte ich hinweisen:
Solche menschenscheuen Hunde kommen zumeist aus dem Tierschutz. Sie haben in der Vergangenheit bereits die eine oder andere schlechte Erfahrung mit Menschen, vor allem aber mit deren Händen gemacht.
Sie haben einen Grund, so zu fühlen. Wir sollten ihre Grenzen respektieren. Und vor allem sollten wir sie in Ruhe (allein!) fressen lassen. Viele mussten sich im Shelter mit anderen Hunden um das wenige Futter auseinandersetzen. Die meisten unterlagen. Futter bedeutete per se Stress. Wir sollten gerade diesen Hunden die Sicherheit geben, dass sie immer genug zu fressen bekommen. Und zu dieser Sicherheit gehört, vollkommen ungestört zu sein – vor allem vor Angstauslösern. In diesem Fall vor uns bzw. vor unseren Händen.
Was meinst du, wie oft diese Hunde sich beim Fressen aus der Hand schon ungewollt haben berühren lassen müssen?

Bindung entsteht, wo Sicherheit gewährleistet ist. Wo Vertrauen wachsen darf. Und wo persönliche Grenzen gewahrt werden.

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