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Hundebegegnungen besser einschätzen

by Grit Perkampus

Es gibt grob zwei Richtungen, in die sich unsere Hunde (genau wie wir) bewegen können: hin zu etwas oder weg von etwas. Sie verringern oder vergrößern die Distanz zu Gegenständen, Menschen oder Artgenossen.

Woran können wir nun erkennen, in welcher Absicht sich ein Hund nähert? Möchte er freundlich „Hallo!“ sagen? Spielen? Kämpfen? Oder jagen?

Verstehen sollten wir zunächst, dass sich ursprünglich bei allen Säugetieren zwei gegensätzliche emotionale Systeme entwickelt haben: Angst und Aggression. Damit verbunden sind jeweils typische Verhaltensweisen.

Angst setzt unmittelbar Verhalten in Gang, das dazu dient, Leib und Leben vor Beschädigung zu schützen.

Aggression dient dazu, sich der Dinge zu bemächtigen, die man zum eigenen Überleben und zur Weitergabe der eigenen Gene benötigt sowie dazu, diese wichtigen Ressourcen gegen Konkurrenten zu verteidigen. Denn Ressourcen wie Futter, sichere Rückzugsorte und Sexualpartner stehen nur begrenzt zur Verfügung.

Das bedeutet nebenbei bemerkt auch, dass Artgenossen für unsere Hunde erst einmal Konkurrenten und die gleichen Ressourcen sind. Sie stellen also eine Bedrohung dar.


Wann kommt es zur Distanzvergrößerung?

Unsere Hunde vergrößern die Distanz zu Dingen und Lebewesen, die ihnen Angst (FEAR) machen oder zumindest unangenehm sind. Die extremste Ausprägung wäre die Flucht, die bei großer Angst auftritt. Der ganze Körper entfernt sich meist sehr schnell und weit von einer Angstquelle, und wir können weitere körperliche Merkmale sehen, die auf Angst hindeuten: zurückgelegte Ohren, weit nach hinten gezogene Lefzen, eine tief getragene oder gar eingeklemmte Rute. Der Körper ist geduckt. Die Ausdrucksstrukturen weisen also nach hinten und unten.

Eine mildere Form stellt das Ausweichen dar. Hierbei kann sich ebenfalls der ganze Körper entfernen oder auch nur verschiedene Körperteile. Wir sehen sehr deutlich, wie sich der Körperschwerpunkt vom sogenannten Auslöser weg verlagert. Bestimmt jeder hat das schon einmal beobachtet. Häufig zeigen Hunde dieses Verhalten, wenn sich jemand über sie beugt und/oder von oben auf den Kopf fassen möchte. Auch hier können wir meist weitere distanzvergrößernde Merkmale ausmachen wie beispielsweise zurückgelegten Ohren.

Die Distanzvergrößerung ist das wichtigste Merkmal von Angstvermeidungsverhalten, kurz Meideverhalten.


Wann kommt es zur Distanzverringerung?

Einer Bedrohung (also zum Beispiel einem Konkurrenten) Angst einzujagen und sie bestenfalls zu vertreiben, ist das Ziel von Aggression (RAGE) bzw. Aggressionsverhalten. Mit vielen Ausdrucksstrukturen, die nach vorne, also hin zum sogenannten Auslöser, und oben weisen (Rute, Ohren, durchgedrückte Läufe, vorgeschobene Lefzen usw.), wird die eigene Stärke und Bereitschaft zum Kampf signalisiert. Auch der Körperschwerpunkt verlagert sich hin zum Auslöser.

Wir haben schon bei der Ausrichtung der Körperachsen gelernt, dass eine frontale Annäherung zumindest unfreundlich ist. Erfolgt diese Annäherung auch noch schnell, ist das eine echte Bedrohung! Eine schnelle frontale Distanzverringerung sehen wir im Zusammenhang mit Angriffen und mit Jagdverhalten (Hetzen der Beute).


Gibt es eine freundliche Distanzverringerung?

Kommen wir noch einmal auf die Einstiegsüberlegungen zurück: Wären alle Hunde immer nur Konkurrenten um Ressourcen, wäre es bereits unmöglich, sich fortzupflanzen. Auch die Aufzucht von Jungen (Brutpflege) macht es notwendig, sich einander anzunähern, ohne sich an Leib und Leben zu beschädigen. Muttertier und Welpen leben immerhin einige Zeit zusammen.

Es haben sich folglich Verhaltensweisen entwickelt, die eine Annäherung ermöglichten: Kindliches Aussehen und Verhalten. Dies wirkt sich auf Artgenossen aggressionshemmend aus. Daher wirken Hunde, die aktive Demut zeigen, oft welpenhaft. Auch das Lefzenlecken beim Gegenüber hat hier seinen Ursprung.

Evolutionär von Vorteil war es außerdem, zumindest vorübergehend in einer Gruppe bzw. im Familienverband zusammenzuleben. Denn in der Gemeinschaft konnten größere Beutetiere gejagt, größere Territorien verteidigt und einzelne Gruppenmitglieder besser geschützt werden.

Notwendigerweise mussten (und müssen) sich die Gruppenmitglieder einander auch annähern. Um eine freundliche Annäherung zu signalisieren, werden bei Distanzverringerung körperliche Signale gezeigt, die ausdrücklich nicht dem Aggressions- oder Jagdverhalten zuzuordnen sind.

Das bedeutet, die Ausdrucksstrukturen (Ohren, Rute, Lefzen, …) weisen in ihrer Mehrheit eher nach unten und zurück. Die Annäherung erfolgt nicht schnell und direkt, sondern in Kurven. Das betrifft die Wirbelsäule (Körperachse) sowie den Laufweg. Die Körper-/ Muskelspannung ist gering.


Sind fremde Hunde also immer eine Bedrohung?

Im Zuge der Domestikation (Haustierwerdung) des Hundes sowie durch seine Zucht hat sich die Kindheit vieler Hunde verlängert. Manchen Rassen wird nachgesagt, nie erwachsen zu werden. Und viele Hunde haben über die Kindheit und Jugend hinaus, zuweilen bis ins hohe Alter, große Freude am Spiel mit Artgenossen. Für diese Hunde sind Artgenossen, ob vertraut oder nicht, in erster Linie potenzielle Spielpartner.

Auch die individuelle Lernerfahrung eines jeden Hundes kann dazu führen, dass er in Begegnungen entspannt und freundlich bleibt. Viele gelungene, positiv verlaufende Begegnungen bilden ein gutes Fundament für freundliches Verhalten gegenüber Artgenossen.

Als selbstverständlich sollten wir freundliche Begegnungen mit fremden Hunden jedoch nicht betrachten. Wir Menschen tragen Sorge und Verantwortung dafür, dass unsere vierbeinigen Familienmitglieder mit Artgenossen freundlich sind, bleiben oder werden (können). Es ist an uns, Begegnungen möglichst entspannt zu gestalten, sich anbahnende Konflikte rechtzeitig zu erkennen und zu entschärfen sowie Konfrontationen (wie zum Beispiel beim Gehen an der Leine frontal auf andere Hunde zu) möglichst aus dem Weg zu gehen. Auch das Vermeiden von Kontakten kann ein wichtiger Baustein sein, um negative Erlebnisse und Lernerfahrungen zu verhindern.

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