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Angst – Warum Locken keine gute Idee ist

by Alexandra
Hund bei Angst locken

Immer wieder begegnet es mir fast täglich, dass Hundehalter versuchen ihre Fellnasen in Situationen, die sie ängstigen, zu locken, sei es mit Futter, Spielzeug oder dadurch, dass die Bezugsperson sich einem gruseligen Objekt nähert und drauf rum trommelt. Warum dies keine gute Idee ist, wollen wir heute mal etwas durchleuchten.

Zuerst einmal sollten wir uns mit dem Begriff „Angst“ beschäftigen und schauen, welche Funktion Angst hat.

Angst gehört zum Überlebensprogramm von Lebewesen, genau wie Aggression. Angst dient dazu, sich vor Bedrohungen zu schützen und diesen zu entkommen. Das ist die biologische Funktion von Angst. Und damit Angst ihre Funktion auch erfüllen kann, führt sie zu bestimmten Verhaltensreaktionen. Diese Verhaltensreaktionen können wir an der Oberfläche beobachten. Allerdings sehen wir hier nur die Spitze des Eisberges, im Inneren unseres Vierbeiners passiert dabei noch viel mehr, was wir nicht direkt wahrnehmen können.

Eine Distanzvergrößerung zu einer Bedrohung ist z.B. so eine Verhaltensreaktion, sie ist die Strategie bei Angst. Dabei kann diese Distanzvergrößerung von Hunden sehr subtil gezeigt werden, wie z.B. den Kopf abwenden, sie können Meideverhalten zeigen, sich verstecken oder eine sehr deutliche Angstreaktion durch Flüchten zeigen.

Angst verstärken? – Angst als Emotion

Angst ist aber auch Teil des emotionalen Systems. D.h. sie ist eine Emotion und Emotionen laufen auf der unbewussten Ebene ab. Die Emotion Angst kann also auch nicht verstärkt werden. Verhaltensreaktionen wie Meiden und Flüchten, also bewusst gezeigte, können dagegen schon verstärkt werden, da hier die Distanzvergrößerung zur Bedrohung funktional ist. Dies passiert aber i.d.R. durch Futter, Spiel oder Lob nicht, denn die Funktion von Angst ist nicht Fressen oder Spielen, sondern Bedrohungen zu entkommen. Diese „Belohnungen“ machen eher positive Stimmung und können als Verstärker für Alternativverhalten eingesetzt werden.

Formen von Angst – Definitionen

Des Weiteren lässt sich Angst in verschiedene Formen einteilen, aufgrund der kleinen neurobiologischen Unterschiede im emotionalen System. Hier findet man unterschiedliche Bezeichnungen in der Literatur.

Man unterscheidet z.B.

  • Konkrete, direkte Angst oder auch Furcht: Diese Form der Angst ist die Angst vor einer bestimmten Bedrohung, vor einem bestimmten Objekt, Geräusch oder XXXXX. Hier gibt es also spezifische Auslöser und diese Form der Angst lässt sich gut bearbeiten.
  • Antizipatorische Angst / Ängstlichkeit / Befürchtung: Tritt ohne erkennbaren Auslöser auf. Allerdings ist es hier so, dass der Auslöser für den Menschen vielleicht einfach nur nicht erkennbar ist. Gerüche z.B. nehmen Hunde viel besser wahr als wir es können. Mit einer Ängstlichkeit sind eine übermäßige Wachsamkeit und Anspannung verbunden. Der Hund ist auf der Hut, denn es könnte ja etwas Ängstigendes passieren.
  • Hier kann es auch zur generalisierten Angst kommen, wenn der Hund sich vor vielen Dingen im Alltag fürchtet. Der Hund hat einen dauerhaften Stresslevel, was ihn empfindlicher macht und dies führt wiederum dazu, dass der Hund sich immer mehr bedroht fühlt. Die Reizschwelle wird immer weiter herabgesetzt und dies senkt erheblich die Lebensqualität des Hundes.
  • Ängstlichkeit / Furchtsamkeit ist dazu auch ein Persönlichkeitsmerkmal und hat somit auch eine genetische Grundlage. Es gibt immer Individuen innerhalb einer Art, einer Rasse, eines Wurfes, die ängstlicher reagieren als andere (hier gibt es Studien zum sog. Shyness-Boldness-Kontinuum)
  • Phobie: Bei Phobien sind die Verhaltensreaktionen nicht anpassend und ohne biologische Funktion. Hier geht es um „Alles-oder-nichts!-Reaktionen“.

Hier merkt man schon, wie komplex Angst eigentlich ist und dass sie verschiedene Aspekte vereint. Angst allgemein ist eine Emotion, eine Motivation und kann auch ein Persönlichkeitsmerkmal sein.

Jetzt meint der eine oder andere vielleicht „was soll die Wortklauberei“, aber wenn man sich unterhalten / diskutieren möchte, müssen Begrifflichkeiten definiert werden, denn nur so ist gewährleistet, dass beide auch dasselbe darunter verstehen und nicht aneinander vorbeireden.

Auslöser von Angst

Ebenfalls unterscheidet man noch nach Auslösern für Angst. Es gibt angeborene, sogenannte unkonditionierte Angstauslöser und erlernte (konditionierte) Auslöser von Angst.

Angeborene Angstauslöser lösen ohne negative Erfahrung oder Lernen Angst und Angstreaktionen aus. Dazu zählen z.B.

  • plötzlich auftretende Reize
  • neue Reize
  • laute Geräusche, Zischen
  • schnelle Bewegungen auf den Hund zu
  • und auch Schmerzen

Ebenfalls gehören hier auch Konflikte mit der Bezugsperson hin, wenn sich diese in einer ängstigenden Situation auch noch bedrohlich verhält, aversiv einwirkt oder den Hund durch eine Situation zwingt.

Erlernte Auslöser von Angst sind durch Lernerfahrung verknüpft. Der Hauptakteur ist hier die klassische Konditionierung, die zu dieser Verknüpfung führt. Treten neutrale Reize in zeitlicher Nähe zu einem angeborene Angstauslöser auf, so können diese Reize mit der Angstreaktion verknüpft werden und werden in Zukunft selbst zu Auslösern von Angst.

Besonders Junghunde sind während der Jugendentwicklung anfällig Ängste zu entwickeln, vor allem dann sehr schnell, wenn eine Stressbelastung einige Wochen dauert. Das hängt damit zusammen, dass während der Jugendentwicklung das Stresshormon Cortisol generell erhöht ist. Dadurch fühlt der Hund sich schneller bedroht und verängstigt.

Angst hat viele Gesichter

Funktioniert Angstverhalten in einer Situation für den Hund nicht, verändert er seine Strategie. Er könnte dann z.B. mit Aggressionsverhalten reagieren. Die Ursache hinter dem Verhalten, die ursprüngliche Angst, ist dann aber nicht verschwunden, sie bleibt und der Hund verändert halt nur sein Verhalten.

Merke:
Angst als Emotion hat Ursachen und führen die Angstreaktionen nicht zum Erfolg für das Tier, dann wird Angst zur Ursache für andere Verhaltensauffälligkeiten.

Unser Ziel ist es, dass die Hunde sich möglichst wohlfühlen in den Situationen, in die wir sie hineinbringen. Und somit kommen wir auch zu dem Problem mit dem „Locken“.

Locken bei Angst – bitte unterlassen!

Besonders oft kommt es mir unter, dass Hundehalter versuchen ihren Hund mit Futter oder Spielzeug in eine bedrohliche, ängstigende Situation zu locken. Dies kann man z.B. oft auf dem Hundeplatz z.B. beim Agility beobachten oder auch bei Angst vor fremden Menschen, wenn diese den Hund füttern sollen. Locken kann auch vorkommen, wenn der Mensch selbst zum Angstauslöser hingeht und dann z.B. darauf rumtrommelt, um dem Hund zu zeigen, dass er keine Angst haben muss und ihn so versucht näher zu holen. Dass die Angst dann einfach verschwindet, ist aber ein Trugschluss! Der Hund wird hier in einen Motivationskonflikt gebracht und Konflikte sind generell stressend!

Im besten Fall lernt der Hund eine Gefahr zu tolerieren, um Futter oder Spielzeug zu erhalten. Das ist der beste Fall aus Menschensicht, denn der Hund fühlt sich dabei keinesfalls wohl und verschwunden ist die Angst auch nicht. Der Hund nimmt bloß ein Risiko in Kauf, um etwas Attraktives zu erhalten.

Läuft es aber schlecht, dann wird die Angst ggf. noch schlimmer und der Hund verliert auch noch das Vertrauen in seine Bezugsperson.

Beides, egal ob man Glück hat oder es richtig übel läuft, ist nicht der Weg von fairem Training! Wir möchten unseren Hunden Mut machen, sie unterstützen und ihnen ihre Ängste nehmen. Hier gibt es bessere Möglichkeiten, wie z.B. die Gegenkonditionierung, die kleinschrittige Arbeit mit Targets, freiwillige Annäherung markieren und vom Auslöser weg belohnen. Gerade bei der letzteren Möglichkeit hat der Hund sehr viel Kontrolle über sein eigenes Verhalten und so kann er mehr Selbstbewusstsein aufbauen.


Bitte lockt eure Hunde nicht in solche Situationen!

Wenn es gut geht, habt ihr mehr Glück als Verstand gehabt, aber für euren Hund wäre es wesentlich besser gewesen, ihm zu helfen, ihn zu unterstützen und Selbstwirksamkeit zu fördern als solche Lockversuche zu unternehmen!

Quellen:

  • Atn – Themenblock Angst
  • Dr. Ute Blaschke-Berthold, Die vielen Gesichter der Angst (dog ibox)
  • Heike Westedt – Schreck lass nach
  • Bettina Specht – Angsthunde

Autorin:

Kathrin Dombrowski
Webseite: www.hundsverrueckt.de

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