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LernverhaltenWissenswertes

Warum aversive Korrekturen das Problem Deines Hundes nicht lösen

Dein Hund fährt schnell hoch oder kommt schwer zur Ruhe?

Versteh, warum Training allein oft nicht reicht, und was Deinem Hund wirklich hilft.

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Stell Dir vor, Dein Hund bellt plötzlich keine fremden Hunde mehr an, zieht nicht mehr an der Leine und lässt das Brötchen auf dem Gehweg einfach liegen. Vielleicht hast Du dafür mit einer sogenannten „Korrektur“ gearbeitet oder eine andere aversive Trainingsmethode eingesetzt. Das Verhalten hat sich verändert und damit scheint zunächst genau das eingetreten zu sein, was Du Dir vom Training gewünscht hast. Dein Hund zeigt das unerwünschte Verhalten nicht mehr und der Spaziergang scheint deutlich entspannter zu sein.

Natürlich kann man an dieser Stelle sagen: Es hat doch funktioniert.

Das stimmt sogar, zumindest in einem bestimmten Sinn. Aversive Methoden können Verhalten sehr wirksam verändern, teilweise auch erstaunlich schnell. Ein Hund kann lernen, ein bestimmtes Verhalten seltener zu zeigen, weil es für ihn mit einer unangenehmen Konsequenz verbunden ist. Genau deshalb wirken solche Methoden auf den ersten Blick oft so überzeugend.

Das eigentliche Problem beginnt dort, wo aus dieser Verhaltensänderung automatisch geschlossen wird, dass auch die Ursache des Verhaltens verschwunden sei. Denn nur weil ein Hund etwas nicht mehr tut, bedeutet das nicht, dass sich auch das verändert hat, was ihn vorher dazu gebracht hat, es zu tun.

Verhalten ist nicht die Ursache

Wir sehen im Alltag immer zuerst das Verhalten. Der Hund bellt, zieht, springt jemanden an, geht nach vorne oder nimmt etwas vom Boden auf. Das ist der Teil, der uns auffällt und der uns häufig stört. Was wir dabei leicht aus den Augen verlieren: Verhalten entsteht nicht aus dem Nichts. Es steht immer im Zusammenhang mit der jeweiligen Situation und wird davon beeinflusst, was der Hund empfindet, was er erreichen möchte, welche Erfahrungen er bisher gemacht hat und welche Strategien ihm zur Verfügung stehen.

Ein Hund kann beispielsweise bellen, weil er Angst hat, Abstand schaffen möchte, er sich unsicher fühlt, er frustriert ist oder weil er in einer Situation schlicht zu aufgeregt ist. Ein anderer Hund kann in einer ähnlichen Situation bellen, weil er unbedingt Kontakt aufnehmen möchte. Das sichtbare Verhalten ist also nicht automatisch gleichbedeutend mit der zugrunde liegenden Ursache.

Wenn wir ausschließlich das Verhalten betrachten, besteht deshalb die Gefahr, dass wir das eigentliche Problem mit dem Symptom verwechseln. Das ist gerade beim aversiven Training relevant, weil dort bewusst an der Konsequenz des Verhaltens angesetzt wird: Der Hund tut etwas, das wir nicht möchten, und erlebt daraufhin etwas Unangenehmes. Dadurch sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass er dieses Verhalten künftig wieder zeigt. Wenn dem so ist, sprechen wir lerntheoretisch von einer "positiven Strafe". Positiv steht hierbei nicht für gut, sondern dafür, dass etwas zur Situation hinzugekommen ist. In diesem Fall das Unangenehme.

Auch wenn diese Herangehensweise funktioniert, beantwortet sie nicht die Frage, warum der Hund dieses Verhalten überhaupt gezeigt hat.

Was aversives Training tatsächlich bewirkt

Aversives Training ist deshalb nicht dadurch problematisch, dass Hunde dabei nichts lernen würden. Im Gegenteil: Natürlich lernen sie etwas. Ein Hund, der nach einer Korrektur aufhört zu bellen, kann durchaus gelernt haben, dass Bellen in dieser Situation unangenehme Konsequenzen nach sich zieht und deshalb besser vermieden wird. Das ist eine echte Lernveränderung und fachlich wäre es falsch, diesen Lernprozess kleinzureden.

Die entscheidende Frage ist vielmehr, was genau der Hund gelernt hat.

Nehmen wir einen Hund, der fremde Menschen anbellt, weil ihm diese Menschen Angst machen. Durch aversive Konsequenzen kann er lernen, auf das Bellen zu verzichten. Er hat damit aber nicht automatisch gelernt, dass fremde Menschen ungefährlich sind. Er hat auch nicht gelernt, wie er mit seiner Unsicherheit umgehen kann, welche anderen Verhaltensmöglichkeiten ihm zur Verfügung stehen oder dass er die Situation eigentlich gut bewältigen kann.

Das Verhalten hat sich verändert, die zugrunde liegende Emotion aber überhaupt nicht. Der Hund hat immer noch Angst vor Menschen!

Genau diese Unterscheidung wird bei der Bewertung aversiver Methoden häufig unterschlagen. Man sieht den Hund, der nicht mehr bellt, nicht mehr zieht oder nicht mehr nach vorne geht, und betrachtet allein diese Veränderung als Beweis dafür, dass das Training erfolgreich war. Tatsächlich wissen wir dadurch zunächst nur, dass der Hund sein Verhalten verändert hat. Über seine Angst, Unsicherheit, Frustration oder seine innere Belastung sagt das aber absolut nichts aus.

Wenn das Verhalten verschwindet, ist das Problem nicht automatisch gelöst

Besonders deutlich wird das bei Hunden, die aus Angst oder Unsicherheit reagieren. Stell Dir einen Hund vor, der bei einem entgegenkommenden fremden Menschen bellt. Nach einigen „Korrekturen“ bleibt er künftig ruhig. Für den Menschen sieht das natürlich angenehm aus. Der Hund läuft ruhig weiter und die "störende" Reaktion ist verschwunden.

Nur: Warum sollte der Hund deshalb plötzlich weniger Angst haben?

Die aversive Konsequenz hat ihm vermittelt, dass sein bisheriges Verhalten unangenehme Folgen haben kann. Sie hat ihm nicht vermittelt, dass der fremde Mensch ungefährlich ist. Sie hat ihm auch keine neue Strategie dafür vermittelt, wie er mit seiner Unsicherheit umgehen kann. Sein Verhalten kann sich deshalb deutlich verändern, während das Problem, das dieses Verhalten ursprünglich ausgelöst hat, weiterhin besteht.

Das lässt sich auf viele andere Situationen übertragen. Ein Hund, der draußen Dinge vom Boden aufnimmt, kann lernen, dies zu unterlassen, weil er mit unangenehmen Konsequenzen rechnet. Ein Hund, der Menschen anspringt, kann lernen, mit allen vier Pfoten am Boden zu bleiben, weil Anspringen nicht mehr die gewünschte Konsequenz bringt oder mit einer unangenehmen Konsequenz verbunden wird. Ein Hund, der bei Hundebegegnungen nach vorne geht, kann lernen, dieses Verhalten nicht mehr zu zeigen.

In allen Fällen wurde das Verhalten verändert. Das bedeutet aber nicht, dass der Hund jetzt entspannter mit der Situation umgehen kann.

Deshalb ist die Aussage „Er macht es doch nicht mehr“ als alleinige Erfolgskontrolle im Hundetraining ziemlich dünne.

Ruhe ist nicht automatisch Entspannung

Ein weiterer Punkt wird dabei besonders häufig übersehen: Wir interpretieren fehlendes Verhalten sehr schnell als Entspannung. Ein Hund bellt nicht mehr, also sei er ruhiger geworden. Er geht nicht mehr nach vorne, also sei er gelassener. Er zeigt keine deutliche Reaktion mehr, also hat er die Situation offenbar akzeptiert.

Das muss nicht so sein.

Ein Hund kann Angst haben, ohne zu bellen. Er kann hochgradig angespannt sein, ohne nach vorne zu gehen. Er kann einen Konflikt erleben und trotzdem äußerlich sehr ruhig wirken. Gerade deshalb kann ein scheinbar „braver“ Hund nicht automatisch als entspannter Hund betrachtet werden.

Wer Training beurteilen möchte, sollte deshalb nicht nur darauf schauen, welches Verhalten der Hund zeigt oder eben nicht zeigt, sondern auch darauf, wie er sich insgesamt durch eine Situation bewegt, welche Körpersprache er zeigt, ob er noch ansprechbar ist und welche Handlungsmöglichkeiten ihm zur Verfügung stehen.

Denn es macht einen erheblichen Unterschied, ob ein Hund einen anderen Hund ruhig passieren kann, weil er gelernt hat, diese Situation zu bewältigen, oder ob er ruhig bleibt, weil er gelernt hat, seine bisherige Reaktion um jeden Preis zu unterlassen.

Warum „Korrektur“ ein ziemlich beschönigender Begriff ist

Besonders wenig hilfreich finde ich in diesem Zusammenhang den Begriff „Korrektur“. Eine Korrektur kann jedoch sehr unterschiedliche Formen annehmen. Je nach Trainingsansatz können damit beispielsweise Leinenrucke, körperlicher Druck, Anschreien, Einschüchterung oder andere unangenehme Konsequenzen gemeint sein. Entscheidend ist nicht, wie "freundlich" die Maßnahme benannt wird, sondern was der Hund dabei tatsächlich erlebt.

Ein Leinenruck wird nicht dadurch zu einer neutralen Information, dass man ihn „Korrektur“ nennt. Einschüchterung wird nicht zu sinnvoller Kommunikation, nur weil sie als „Grenze setzen“ bezeichnet wird. Und eine unangenehme Konsequenz bleibt eine unangenehme Konsequenz, auch wenn sie als notwendiger Teil einer konsequenten Erziehung verkauft wird.

Natürlich kann man damit Verhalten beeinflussen. Genau deshalb werden solche Methoden überhaupt eingesetzt. Aber die Wirksamkeit einer Methode ist noch kein Beweis dafür, dass sie das Problem sinnvoll oder nachhaltig löst.

Was der Hund stattdessen lernen sollte

Das bedeutet nicht, dass wir unerwünschtes Verhalten einfach hinnehmen sollten. Natürlich möchte ich auch, dass ein Hund nicht ausrastet, wenn ein anderer Hund vorbeikommt, dass er Menschen nicht anspringt und dass er draußen nicht alles frisst, was auf dem Boden liegt. Verhalten zu verändern gehört selbstverständlich zu gutem Hundetraining.

Der entscheidende Unterschied liegt darin, wodurch diese Veränderung erreicht wird und was der Hund dabei über die jeweilige Situation lernt.

Wenn ein Hund bei Hundebegegnungen aus Unsicherheit nach vorne geht, sollte das Training nicht darin bestehen, ihm diese Reaktion so unangenehm wie möglich zu machen. Sinnvoller ist es, ihm Bedingungen zu schaffen, unter denen er die Begegnung überhaupt bewältigen kann, ihm Orientierung und Unterstützung zu geben und schrittweise neue Erfahrungen zu ermöglichen. So kann er lernen, dass andere Hunde nicht automatisch eine Situation darstellen, die er nur durch Drohen, Bellen oder Nach-vorne-Gehen bewältigen kann.

Ein frustrierter Hund kann lernen, mit Frustration anders umzugehen, statt nur zu lernen, dass er seinen Frust nicht zeigen darf. Ein unsicherer Hund kann Sicherheit entwickeln, statt seine Unsicherheit lediglich besser zu verstecken. Und ein überforderter Hund kann Strategien aufbauen, mit denen er schwierige Situationen zunehmend bewältigen kann, anstatt immer stärker kontrolliert werden zu müssen.

Woran ich Training messen möchte

Für mich ist deshalb nicht entscheidend, ob ein Verhalten schnell verschwunden ist, sondern was sich für den Hund verändert hat.

Kann er eine Situation heute entspannter bewältigen als vorher? Verfügt er über andere Strategien? Kann er sich schneller wieder regulieren? Ist er ansprechbar und handlungsfähig? Hat er neue Erfahrungen gesammelt, die ihm tatsächlich helfen? Und vor allem: Muss er das ursprüngliche Verhalten noch zeigen, weil die Situation für ihn weiterhin genauso schwierig ist wie vorher?

Natürlich kann ein Hund lernen, Verhalten zu unterlassen, das für ihn unangenehme Konsequenzen nach sich zieht. Er kann lernen, bestimmte Situationen anders zu behandeln, weil er die unangenehmen Konsequenzen seines Verhaltens vermeiden möchte.

Was er dadurch nicht lernt, ist genau das, worum es bei vielen Verhaltensproblemen eigentlich geht: eine andere emotionale Reaktion, eine größere Sicherheit, bessere Bewältigungsstrategien oder die Erfahrung, dass eine schwierige Situation tatsächlich machbar ist.

Und genau deshalb halte ich aversives Training für den falschen Weg.

Nicht, weil es wirkungslos wäre. Im Gegenteil: Es ist problematisch gerade deshalb, weil es wirksam ist. Es kann das Verhalten so zuverlässig verändern, dass wir leicht übersehen, dass die Ursache des Verhaltens überhaupt nicht bearbeitet wurde.

Am Ende haben wir dann vielleicht einen Hund, der nicht mehr bellt, nicht mehr zieht und nicht mehr nach vorne geht.

Aber haben wir wirklich einen Hund, dem es besser geht?

Genau das sollte die entscheidende Frage sein.

Denn ich möchte keinen Hund, der ein Verhalten nur deshalb nicht mehr zeigt, weil er gelernt hat, dass es sich für ihn nicht lohnt oder unangenehme Folgen hat. Ich möchte einen Hund, der mit der Situation selbst besser umgehen kann und deshalb das ursprüngliche Verhalten immer weniger zeigen "muss".

Der Unterschied ist entscheidend: Nicht nur das Verhalten soll sich verändern. Das belastende Gefühl, das für dieses Verhalten verantwortlich ist, soll sich verändern.

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